Umsteigen auf Linux

Ein Erfahrungsbericht

Es ist trotz der umfassenden Berichte im Internet schwierig eine neutrale Information über den Vergleich von Linux, Windows, macOS und anderen zu erhalten. Insbesondere, wenn Emotionen eine Rolle spielen. Dann wird gestritten, diskutiert, gemeckert und jeder mit einer anderen Meinung wird nieder gemacht. Ich will hier meine Erfahrungen teilen, Infos geben, warum ich auf Linux umgestiegen bin. Und das Gute daran: ich komme mit allen Betriebssysteme irgendwie zurecht, kenne Windows, macOS als langjähriger Anwender und arbeite jetzt mit allen drei Betriebssystemen in irgendeiner Form zusammen. Ich bin kein Informatiker, kein Programmierer, sondern interessierter Anwender. Seit 2020 liegt mein Schwerpunkt und meine Präferenz auf Linux. Und das war – für mich – die definitiv beste Entscheidung.

Die Vergangenheit

Ich nutze Computer seit fast 50 Jahren, schon als Vorschulkind, gewissermaßen noch vor dem laufen Lernen. Ja, das ist tatsächlich so, wer noch Firmen wie Olivetti oder Mael kennt, weiß wovon ich rede. Nach C64, Amiga, Atari komme ich von der PC Seite, habe lange mit CP/M, dann MS-DOS und später mit Windows gearbeitet. Dann kam in den 90ern mein Umstieg auf den Mac und dann 2020 der Umstieg auf Linux. Ich bin halt etwas träge. ;-)

Übrigens ein Lesetipp zum Schwelgen: die tolle Retro-Ausgabe 2020 der c’t.

Zusammenfassend kann ich erst Mal sagen, dass Linux sehr schnell ist, sehr stabil und extrem gut dokumentiert. Man findet für alles eine Lösung, es wurden schon fast alle Fragen von irgendwem gestellt und von mindestens einer Person beantwortet. Auch die unterschiedlichen Levels an Anfragen werden bedient. Die Linuxgemeinde gibt viel zurück, ist hilfsbereit und extrem freundlich. Er kürzlich saß ich bei einer Pharmafirma in einer Videokonferenz, alles auf Windows-Basis. Es gab Browserprobleme und kaum hatte ich mich als Linux-User geoutet, waren zwei IT-Experten meine besten Freunde, sie waren clever und hatten eine schnelle Lösung. So was kannte ich vom Mac nicht.

Warum weg vom Mac?

Die eigene Freiheit behalten

Letztendlich liegt der Hauptgrund meines Wechsels zu Linux in der Freiheit. Freiheit über meinen Computer und meine Daten. Ich wollte selber entscheiden, was mit meinen Daten passiert. Auslöser waren einige Ereignisse, die mich nachdenklich gestimmt haben. Beispielsweise erhielt ich plötzlich zu Produkten, die ich in iMessages und / oder WhatsApp-Nachrichten erwähnt hatte, Werbung auf Webseiten eingeblendet. Das sogar geräteübergreifend. Logisch, waren meine Geräte über eine Cloud verbunden. Das nahm dann immer mehr zu und ich fragte ich, wer denn alles meine Texte, Gespräche etc. analysiere. Natürlich nur zu einem guten Zwecke, zur Verbesserung der »User-Experience«. Irgendwann wurde es mir zu viel, dass mir eine Maschine mitteilte, ob ich mich zu viel, zu wenig bewege, das Falsche esse oder mich sonst vielleicht nicht »perfekt« verhalte. Auch extrem störend: man wird bevormundet welche Worte bei den iMessages erscheinen sollen, anzügliche Begriffe gehen gar nicht, das wurde von den Technikfirmen verboten. Wie wäre es, wenn man eine Wohnung mietet, die überall mit Kameras überwacht wird, auf dem Sofa hinter einem jemand steht und verfolgt, wie lange man eine Zeitschriftseite liest? Ich bin – man mag es nicht glauben – schon erwachsen. Und: Freiheit ist ein hohes Gut. Nachdem – klar, nur zu Sicherheit und Nutzen des Kunden ;-) – zum Beispiel bei macOS so Tools wie Little Snitch immer weiter eingeschränkt werden sollen oder Microsoft die Installation anderer Betriebssysteme immer mehr erschweren wird, wurde mir das zu bunt. Ich kaufe einen Computer, der gehört dann doch eigentlich mir und nicht einem Technikkonzern. Oder sollte ich vielleicht die Daten zur Steuererklärung eines Mandanten oder Inhalte aus Patientenakten hinsichtlich irgendwelcher Werbemöglichkeiten analysieren und die Daten dazu weiter verkaufen? Das wäre weder mit dem Beruf als Arzt noch als Steuerberater mit dem Berufsethos vereinbar.

Performance

Ein weiterer Punkt ist meine Ungeduld. Obwohl die Computer von Jahr zu Jahr leistungsfähiger werden, werden sie immer langsamer. Wer sich mal den Datenverkehr über Little Snitch auf einem Mac oder aus der virtuellen Maschine heraus von Windows 10 anzeigen lässt, kann es kaum glauben. Aber es werden permanent, ohne Pause, ohne Verzögerung Daten gesendet. Immer nur zum Nutzen des Kunden, logisch.

Auch die UpDates dauern aufgrund der riesigen Datenmengen ewig. Manchmal installieren sie sich von alleine und eine Weiterarbeit ist gar nicht möglich. So stand ich an einem Präsentationstag unserer Hochschule vor Studieninteressierten, denen ich erzählte, wie toll unser Campus mit Technik ausgestattet sei. Als ich dann meine Präsentation starten wollte, wurde erst mal ein UpDate eingespielt, da mein Vorgänger den Rechner aus Versehen herunter gefahren hatte. Ich habe dann mit diversen Adaptern alles über mein Smartphone präsentiert. Es war einfach nur peinlich für mich, für unsere Hochschule. Am Ende meiner Präsentationszeit waren dann übrigens alle UpDates eingespielt, cooles Timing, sage ich nur. Kurze Rede langer Sinn! Solange die Gier nach Daten nicht juristisch eingeschränkt wird und der Benutzer immer mehr mit neuen Features angefüttert wird, damit er möglichst alles preisgibt, muss man als mündiger Bürger nach Alternativen suchen. Und die gibt es, eine Antwort bei Computern lautet: Linux. :-)

Gedanken für den Umstieg

Meine Anforderungen an die Software sind relativ einfach. Ich brauche für meine Bereiche folgende Programme:

  1. Tabellenkalkulation zum Rechnen und für die steuerliche Beratung
  2. Textverarbeitung für Korrespondenz und die Bearbeitung der studentischen Arbeiten
  3. Textsatz/Layout zur Erstellung von längeren Texten, wie Büchern, Skripten etc.
  4. Bildbearbeitung/Vektorgrafik zur Optimierung von Abbildungen und gestalterischen Aufgaben
  5. Präsentationstool zur Erstellung von Präsentationen und Keynotes
  6. Software zum Videoschnitt evtl. Audiobearbeitung für die Online-Lektionen
  7. Broadcaster Live-Schnitt Software für die Live-Video-Sessions
  8. Datenbanksoftware für wissenschaftliche Aufgaben und Auswertungen
  9. Steuersoftware inkl. Rechnungswesen für die Mandantentätigkeit
  10. intuitive Desktop-Oberfläche zur schnellen Bedienung
  11. Web-Software zum Datenaustausch per FTP, Zugriff auf Server per SSH oder VNC etc.
  12. Spielen für die Unterhaltung und zum Testen der Performance

Ich habe in den letzten Monaten Hunderte von Programmen installiert, ausprobiert und getestet. Vielleicht stelle ich meine Erfahrungen irgendwann mal detaillierter hier vor. Zusammengefasst kann ich sagen, dass es für fast jeden Bereich Software für Linux gibt. Das Angebot an Software für Linux ist gigantisch. Auch die Qualität ist hoch. Ich war eher vom Überangebot überfordert. Für spezielle Branchen, wie Steuerberatung oder in der Arztpraxis, sieht das aber ggf. anders aus.

Linux-Distribution

Ubuntu

Fangen wir mit den Linux-Distributionen an. Hier gibt es so viele, dass man sich nur damit beschäftigen kann. Ich habe mir als erstes – aus Angst, dass die Treiber nicht gehen – ein mit Ubuntu vorinstalliertes Notebook von Dell gekauft. Das hat mich schon begeistert. Es war klein, leicht, sehr schnell. Das lag sicher auch an Linux, denn Linux ist unglaublich schnell. Noch dazu hatte es einen Touch-Screen, der auch super funktionierte. So konnte ich beispielsweise Prüfungsprotokolle als PDF direkt mit dem Finger auf dem Bildschirm unterschreiben. Wieder ein Schritt schneller als vorher mit meiner Mac/iPad-Kombination. Dieses Notebook ist inzwischen mein Ersatznotebook geworden. Es läuft seit Monaten ohne Probleme, obwohl ich darauf schon Hunderte Programme installiert und getestet habe. Wegen der Bildschirmgröße und Leistung habe ich mir ein MSI-Gaming-Notebook mit einer Geforce RTX3070 gekauft. Die Grafikkarte darin war damals brandneu aus 02/2021 und der Treiber für Linux verfügbar. Das war unglaublich.

Linux Mint

Inzwischen bin ich zu Linux Mint gewechselt, der Cinnamon-Desktop ist sehr intuitiv und lässt sich ebenso wie Gnome mit der Tastatur gut bedienen. Zwischenzeitlich habe ich andere Desktops, nicht Distributionen!, wie XFCE oder LXDE ausprobiert. Alle waren super und schnell. Ich bleibe aber bei Cinnamon, weil er gut konfigurierbar und schnell ist. Meine Erfahrung zu Ubuntu ist, dass darauf wirklich alles läuft. Ich hatte nahezu keine technischen Probleme. Auch Steam zum Spielen läuft super darauf, auf Linux Mint ebenfalls, hier gab es nur bei Steam Hinweise, dass es nicht offiziell unterstützt werde, obwohl es auf Ubuntu aufsetzt.

Ich würde zusammenfassend also entweder Ubuntu mit Gnome oder Linux Mint einsetzen. Das ist meine persönliche Meinung, mehr nicht. Jeder sollte auf einem Testrechner ein paar Distributionen ausprobieren, mit verschiedenen Benutzeroberflächen. Am besten man kalkuliert dafür einen oder zwei Tage ein. Danach bleibt man erst Mal bei einer Distro und prüft, ob alles passt.

Office-Pakete

Ich arbeitete hier in der Vergangenheit mit Pages und Numbers auf dem Mac. Das war sehr intuitiv, aber in Bezug auf Datenaustausch eher nicht so gut geeignet. Und halt nur auf macOS verfügbar. Ich habe mich für SoftMaker Office und LibreOffice entschieden. Softmaker Office stammt von einer Firma mit Sitz in Nürnberg. Hinsichtlich Kompatibilität zu MS Office schneidet sie bei meinen Dateien besser ab als LibreOffice. Ich bekomme vor allem über die Hochschule, aber auch von Mandanten häufig .docx oder .xlsx - Dateien. Die ließen sich ohne Ausnahme mit der Softmaker Office öffnen. Auch der Preis des Paketes ist super. Für SoftMaker als Officepaket sprechen die intuitive Bedienung und vor allem ein unglaublich umfassendes Handbuch. SoftMaker Office wirkt sehr modern und ist insgesamt für den produktiven Einsatz super zu gebrauchen. Allerdings gefällt mir der Open-Source Gedanke auch sehr. Wenn ich ehrlich bin, vertraue ich Open-Source-Software inzwischen am meisten. LibreOffice hat in der Dokumentation den Vorteil, dass man im Web zu vielen Problemen eine Antwort findet. Allerdings sind die Online-Handbücher nicht ganz so umfassend wie bei SoftMaker Office. Ich würde hier im direkten Vergleich sagen: es ist ein Kopf-An-Kopf-Rennen, für mich ist das Rennen noch nicht 100% entschieden. Aktuell arbeite ich mit beiden Officepaketen.

LibreOffice Writer auf Linux Mint

LibreOffice Writer auf Linux Mint

Speziell bei der Tabellenkalkulation habe ich bei größeren Dateien Probleme mit LibreCalc. Das ist nur selten der Fall, läuft bei Planmaker runder. Auf der anderen Seite verarbeitet Planmaker .ods-Dateien nicht so gut wie Libreoffice. Es ist also wirklich komplex. Am besten einfach selber ausprobieren.

Planmaker von Softmaker Office unter Linux

Planmaker von Softmaker Office unter Linux

Textsatz/Layout

Viva Designer und Scribus

Ich habe schon als Schüler mit Xerox Ventura Publisher unter GEM gearbeitet, später mit Aldus PageMaker, danach mit Framemaker unter Unix und dann mit Quark XPress und noch später mit Adobe InDesign. Ich habe unter Linux und macOS ausgiebig Scribus getestet, aber der Import meiner Bestandsdateien von Quark oder InDesign klappt damit nicht, auch fehlen viele Funktionen. Scribus ist schnell und auch intuitiv, aber die Funktionalität ist eingeschränkt. Ich kann es für eine Schülerzeitung etc. empfehlen, für den Produktiveinsatz für Flyer, Imagebroschüren etc. reicht es mir persönlich nicht. Ich habe eine tolle Software entdeckt: Viva Designer! Diese App öffnet auch InDesign-Dateien, nativ. Dafür ist aber eine Anbindung an den Server notwendig. Also bzgl. Datenschutz vielleicht nicht ganz perfekt, aber .idml-Dateien lassen sich direkt öffnen, also ohne Internetverbindung. Unglaublich wie zuverlässig das mit .indd-Dateien klappt. Sogar ein Buch mit 400 Seiten und vielen Abbildungen wurde anstandslos konvertiert. Es gibt eine Freeversion, die schon für den Alltag ausreicht. Für meine Bücher und andere gestalterische Dokumente nutze ich die kommerzielle Version.

DTP/Layout mit Viva Designer unter Linux

DTP/Layout mit Viva Designer unter Linux

Um aber hier Missverständnisse zu vermeiden: InDesign und Quark XPress haben sich zunehmend auf Cross-Media-Publishing fokussiert und diese Funktionen fehlen bei Viva Designer. Das heißt: als DTP-Programm ist Viva Designer super, schnell und stabil. Wer aber mit XML-Dateien arbeitet, oder eben multimedial arbeiten muss, der kann das so mit Viva Designer nicht. Ich habe viel mit .xml-Dateien und InDesign experimentiert, habe diese Abläufe inzwischen alle in LaTeX, teilweise auch in Textmaker, abgebildet, so dass ich solche Funktionen bei Viva Designer nicht vermisse.

LaTeX

Eine Sonderstellung nimmt LaTeX ein: damit erstelle ich Skripte und längere Text, die Formeln etc. beinhalten. Auch die Klausuren erstelle ich inzwischen damit, mit der exam-class. Ich kann LaTeX uneingeschränkt empfehlen, nein, nicht ganz uneingeschränkt. Bei den eBooks, was ich aber nicht brauche, ist es kompliziert. Für Texte, Gutachten, Projektarbeiten etc. aber geht es nicht besser, perfekter Schriftsatz, variables Layout und flexibel in der Handhabung. Aber ich muss ehrlich sagen: LaTeX ist nicht intuitiv. Man braucht Einarbeitungszeit und muss das auch wollen. Es lohnt sich, es macht Spaß und läuft übrigens nirgendwo so perfekt wie unter Linux. Auf dem Mac hatte ich immer Probleme mit den Umlauten in den PDFs, es waren dort nur Vokale mit zwei Punkten oben drauf, aber keine echten Umlaute. Unter Linux hatte ich bislang keinerlei Unstimmigkeiten. Zu Windows kann ich da nichts sagen. Ich habe vor einigen Monaten noch auf dem Mac mit LaTeX angefangen, da ich über die Hochschule Zugriff auf die Lernplattform Video2Brain hatte. Die wurde inzwischen von LinkedIn übernommen und daher habe ich mir die weiteren Inhalte zu LaTeX einfach zusammen gesucht. Hier gilt auch, erst mit den Standardklassen anzufangen, sonst verliert man viel Zeit und Hirnschmalz in der Einarbeitung für die zahlreichen Klassen.

LaTex auf Linux Mint mit Tex-Studio

LaTex auf Linux Mint mit Tex-Studio

Bildbearbeitung

GIMP

Wenn man – wie ich – von Photoshop kommt, tut man sich mit Gimp schon etwas schwer. Gimp ist der Platzhirsch unter Linux. Ich bin noch nicht so gut mit der Software vertraut, dass ich mir hier ein abschließendes Urteil erlauben kann. Es ist definitiv stabil und schnell, auch Funktionen wie die Bilderstellung einer Webseite sind cool gemacht. Ebenso für Retuschearbeiten ist es sehr gut geeignet. Ich muss mich hier noch einarbeiten. Da ich einige Mock-Ups auf Photoshop-Basis habe, werde ich Photoshop in einer Nicht-Abo-Version weiterhin einsetzen müssen. Photoshop kenne ich seit Version 1.0, Gimp ist deshalb für mich eine große Umstellung. Aber ich werde diesen Weg gehen. Auf dem Mac hatte ich eine Zeit lang mit Affinity Photo experimentiert, das mir gut gefallen hat. Leider ist diese Software für Linux nicht verfügbar.

Bildverarbeitung mit GIMP unter Linux

Bildverarbeitung mit GIMP unter Linux

Inkscape

Bei der Vektorgrafik sieht es mit Inkscape super aus. Ebenfalls bin ich hier aber mangels fehlender Nutzungszeit kein Experte für diese Software. Ich kenne ursprünglich noch Corel Draw, dann später Freehand auf dem Mac, was von Adobe aufgekauft und eingestampft wurde. Dann musste ich eben zu Adobe Illustrator wechseln. Mit Illustrator wurde ich aber nie so richtig warm. Ich habe inzwischen alle Illustratordateien nach Inkkscape konvertiert. Das ging ohne Probleme und für meine bescheidenen Zwecke reicht die Software. Auch für die Erstellung von Plakaten ist Inkscape eine gute Wahl.

Vektorgrafik mit Inkscape auf Linux Mint

Vektorgrafik mit Inkscape auf Linux Mint

Präsentationstool

Impress, Sozi, LaTex

Präsentationen hatte ich immer mit Keynote auf dem Mac erstellt, manche auch mit Markdown und Deckset auf dem Mac. Unter Linux nutze ich entweder Presentations von SoftMaker oder auch Impress von LibreOffice. Ich habe auch mit der beamer-class von LaTex experimentiert und mit Sozi. Da evaluiere ich aktuell noch. In jedem Fall sind die Präsentationstools unter Linux alle sehr gut und im Produktivalltag gut zu verwenden.

Videoschnitt

Die richtige Hardware/GPU

Speziell für Videoschnitt ist Linux extrem gut aufgestellt. Das hat mich am meisten überrascht. Ich hatte bislang iMovie, danach Final Cut Pro auf dem Mac eingesetzt. Nachdem ich wegen Corona immer mehr auf Online und Video umstellen musste und wollte, habe ich mir in 2020 ein MacBook Pro 16” in fast Maximalausstattung gekauft. Leider ist selbst dieses High-End-Gerät für den Videoschnitt zwar »ganz okay«, aber das reichte mir nicht. Es war trotz riesigem externen 55” Breitmonitor alles träge, die Konvertierung lief oft über Nacht. Das ist auch einer der Gründe für Linux: die unglaubliche Vielfalt an bezahlbarer Hardware. So hat mein aktuelles »Gaming-Notebook« weniger als die Hälfte gekostet, aber in Sachen Leistung ist es einfach der Hammer.

Videoschnitt mit DaVinci Resolve 17

Videoschnitt mit DaVinci Resolve 17

DaVinci Resolve 17

Unter Linux habe ich etliche Videoschnittsoftware getestet. Alle sind zu gebrauchen, je nach Wünschen. Gelandet bin ich nun bei Davinci Resolve. Eine Megasoftware, in der Freeversion schon komplett ausreichend. Die Fullversion wurde mir bei einer BlackMagic 6K-Kamera mitgeliefert. Diese habe ich auf meinem Notebook installiert. Verdammt schnell alles, unglaubliche viele Einstellungen, die beste Videoschnittsoftware ever, meiner Meinung nach. Vor allem sehr inspirierend und motivierend. Es macht einfach Spaß. Auch die Dokumentation und der Support sind extrem zuverlässig. Und sie läuft dann nativ über die GPU. Ein weiterer Vorteil von Linuxmaschinen.

TV-Studio

Hardware-Lösung

Für Präsentationen als Livestream griff ich bislang zu meinem iPad. Das war mit dem Pencil ganz nett. Inzwischen habe ich ein ATEM Mini Pro von BlackMagic im Einsatz mit einem Surface Pro und einer Linuxmaschine sowie eine BlackMagic Studiokamera 4K. Das ist sehr praktisch.

OBS-Studio

Wer das Ganze mit Software aufbauen und mobil sein will, nimmt OBS-Studio dafür. Das Programm ist unglaublich vielfältig und sehr professionell. Man kann alles einstellen, für live-Vorträge nutze ich es ebenso wie für Aufzeichnungen. Mit der virtuellen Kamera und einem ChromaKey-Screen ist es für Videos-Sessions tauglich und auch sehr stabil. Man kann mehrere Szenen anlegen und dann hin- und herschalten. Ich habe meist drei Szenen in Betrieb: 1. eine in Form eines digitalen Studios, dann ein Whiteboard und ein PDF-Tool. OBS ist die Top-Studio-Software für die Lehre und andere Dinge.

OBS-Broadcaster auf Linux Mint

OBS-Broadcaster

Datenbanksoftware

Das ist aktuell für mich der größte Schwachpunkt. Ich habe viele Daten in FileMaker-Datenbanken organisiert, für Daten an der Hochschule, für meine Beratungstätigkeiten, für meine Forschungstätigkeiten und im Rahmen meiner Beratung für das Rechnungswesen und die Warenwirtschaft med. Produkte. Das ist einer Gründe dafür, dass ich eine virt. Maschine mit Windows 10 betreiben muss. Da ich auch Unternehmen im Bereich Digitalisierung berate, benötige ich ohnehin Windows- und macOS-Systeme. Darauf laufen diese Anwendungen, wie FileMaker oder die Steuersoftware. Vielleicht werde ich mittelfristig Base von LibreOffice testen. Aktuell ist das ein Zeitproblem. Die Datenbankanbindung in TextMaker ist auch ganz gelungen, aber natürlich kein Ersatz. Eventuell käme auch SQL-Lite in Frage, ich überlege noch…

Steuersoftware

Gleich der nächste Linux-Schwachpunkt: die Steuersoftware. Man findet zwar Buchhaltungen für Linux, durchaus auch brauchbare, aber eine Schnittstelle zur Einkommensteuer, Gewerbesteuer oder Körperschaftsteuer ist da nicht vorhanden. Ich arbeite hier im Rahmen meiner Beratungstätigkeit mit Agenda. Das ist der zweite Grund, warum ich eine virt. Maschine mit Windows 10 betreiben muss. Aber immerhin läuft das alles stabil in meinem Linux-Umfeld, über freigegebene Ordner kann ich alles auf dem Linux-System ablegen.

Desktop-Tools

Desktop-Tools gibt es für Linux unendlich viele, für alles und jeden Zweck gibt es eine App. Man könnte den ganzen Tag nur seine IT optimieren. So nutze ich beispielsweise Espanso als Textexpander, sehr praktisch und zuverlässig. Oder die ganzen Erweiterungen zum Management von Datenträgern etc. oder rsync zur Datensynchronisation, convert zur Konvertierung von Daten, f3 zur Speedmessung usw. Wer hier nicht fündig wird, macht irgendwas falsch. Ich habe ein paar einfache Linux Hacks mal zusammengetragen, hey, Ihr Freaks da draußen, bitte nicht lachen. ;-)

Tools unter Linux, Beispiele

Tools unter Linux, Beispiele

Web-Software/FTP/HTM etc.

Editoren für HTML und Markdown gibt es unter Linux unendlich viele, stabile, geniale, praktisch für jeden Zweck etwas. Aktuelle schreibe ich diesen Text mit XED und erstelle über Markdown –> Hugo daraus statische HTML-Seiten binnen weniger Sekunden. Sehr praktisch, schnell und sehr zuverlässig.

Als FTP-Client nutze ich Filezilla. Allerdings muss man sagen, dass man schon mit Bordmitteln unter Linux praktisch alles im Netzwerk machen kann. Es gibt kein anderes Betriebssystem, das so viele Tools bereits mitbringt.

FTP-Client unter Linux

FTP-Client unter Linux

Spielen

Für Computerspiele fehlt mir leider die Zeit. Aber dennoch habe ich auch das Mal in Ansätzen geprüft. Wer an aktueller Software interessiert ist, der wird über Steam auch bei Linux fündig. Meine Tests dazu mit der GeForce RTX 3070 waren durchweg positiv. 3D-Shooter oder Adventure laufen flüssig in Full-HD. Da gibt es nichts, es sieht toll aus, super Klang, am besten mit einem Headset. Über Proton und Wine lassen sich auch andere Spiele nutzen, aber das ist mir zu viel Aufwand. Einfach mal selber herumprobieren.

Fazit

Nach vielen Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten mit Linux weiß ich: der Schritt zum Wechsel war richtig. Er hat mir meine Freiheit wieder zurück gebracht. Die ganzen Mythen über Linux, keine Treiber, keine Software, instabil, keine Dokumentation und so weiter, stimmen nicht 100% oder ich bin ihnen eben einfach nicht begegnet. Aber: renommierte Magazine, wie die c’t, berichten auch von Treiberproblemen unter Linux. Anwender*innen schreiben ebenso davon. Es sind also vermutlich nicht einfach nur Mythen, aber auch nicht die komplette Realität. Ich will das gar nicht abschließend beurteilen. Ich habe inzwischen schon fünf Rechner unter Linux laufen, es gab nie Treiberprobleme, es läuft alles ebenso stabil wie unter Windows oder macOS. Die Dokumentation im Web ist bei Linux unschlagbar und erheblich besser als zum Beispiel unter macOS. Und gibt es unter Windows oder macOS eigentlich keine Treiberprobleme?

Aber: Spezielle Software für Branchen, wie für eine Arztpraxis oder in der Steuerberatung, machen es unmöglich nur auf Linux zu setzen. Aber man kann mit Linux alles andere aus dem Alltag ersetzen. Und es macht viel mehr Spaß, weil man alles einstellen und anpassen kann. Allerdings besteht die Gefahr, dass man damit viel Zeit verliert, weil man eben überall konfigurieren kann.

Kosten vs. Nutzen

Am häufigsten lese ich das Argument, dass Open-Source-Software sich ökonomisch nicht rechnet. Eine wirklich überzeugende Studie dazu habe ich nicht gefunden. Ich bin der festen Überzeugung, dass Firmen ebenso wie Hochschulen von Open-Source extrem profitieren, nicht zuletzt wegen dem besseren Schutz der Daten. Aber es ist eine effiziente Strategie, kommerzielle Software schon in Schulen zu etablieren, am besten kostenfrei. So sind die zahlenden Nutzer der Zukunft schon so vorbereitet, dass sie ihre Abläufe nicht mehr anpassen werden. Der Mensch ist bequem. Ich sehe es daher auch als meine Aufgabe als Hochschuldozent an, dem entgegenzuwirken und sich für Open-Source gerade im Bildungsbereich stärker einzusetzen. Mit drei Kindern im Home-Schooling habe ich viele Eindrücke aus den Schulen erhalten, leider mangelt es hier extrem an dem Open-Source-Konzept, was auch dem Einfluss der Lehrkräfte geschuldet ist.

Ausblick & Tipps

Ich denke, dass der Open-Source-Gedanke Zukunft haben wird, falls er nicht über Lobbyarbeit weiterhin boykottiert wird. Schulen, Hochschulen, öffentliche Einrichtungen sind in meinen Augen dazu verpflichtet, auf Open-Source-Software zu setzen. Auch in meiner Funktion als Hochschullehrer setze ich voll auf Open-Source und motiviere alle Studierende dazu, sich mit diesem Gedanken der Freiheit und Datenkontrolle zu befassen. Wer spezielle Branchensoftware benötigt, wird meist an Windows gebunden sein. Die Hersteller kommerzieller Software sehen kein Geschäftsmodell für eine Linux-Version und werden auch von den Anbietern der kommerziellen Betriebssysteme angefüttert. Wenn es aber um Sicherheit und Zuverlässigkeit geht, dann führt kein Weg an Linux vorbei.

Manche Branchenlösungen lassen sich inzwischen über den Browser bedienen. Das bietet neue Möglichkeiten, unabhängig vom Betriebssystem zu werden. Das wird der nächste Schritt bei mir mit der Steuersoftware sein. Dann könnte ich meine virtuellen Maschinen ganz verdammen.

Ergänzung

Inzwischen betreibe ich auch mehrere Raspberry Pi mit Linux, als Proxy, als Ad-Blocker, mit einer Nextcloud etc. Auch das läuft extrem stabil und zuverlässig.

Einfach mal selber ausprobieren.

Empfohlene Literatur

  • Kofler, Michael (2019): Linux: Das umfassende Handbuch, 16. Aufl., Bonn: Rheinwerk.

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